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Norseman 2012 mit Philipp Hantschk

Die Tage vor dem Rennen: 8 Tage vor dem Start war der Abgabetermin meiner Masterarbeit. Am Tag darauf dann das obligatorische Besäufnis mit meinen Leidensgenossen. Und Sonntag war Aufbruch nach Norwegen. Aus katertechnischen Gründen haben es meine Freundin und ich langsam angehen lassen und sind nur bis zu ihren Eltern in der Nähe von Bielefeld gefahren. Montag haben wir es dann bis Kristiansand, am Südufer Norwegens geschafft. Dienstag dann noch einmal 6h Fahrt bis zu unserem Quartier in Kinsarvik, 30 Minuten vom Start entfernt.

Wir hatten eine sehr schöne, direkt am Fjord gelegene Hütte gemietet. Eine erste kurze Ausfahrt mit dem Rad hat mich gleich dem norwegischen Wetter und seinem Protagonisten, dem Regen, nähergebracht. Aber genau dafür bin ich ja gekommen.

Am Mittwoch bin ich dann nach Eidfjord gefahren für eine Rad- und eine Schwimmeinheit. Außerdem wollte ich einfach mal die Stimmung aufsaugen. Lissi und ich sind dann gemeinsam mit dem Rad losgefahren bis zum ersten Anstieg, der nach ein paar wenigen flachen Kilometern beginnt. Dabei musste ich die ganze Zeit links und rechts die unfassbar schöne Umgebung bewundern. Der Anstieg war steiler als gedacht. Mein Garmin zeigte konstant 8-9% an. Nach 500hm sind wir umgekehrt. Danke. Danke

Zurück in Eidfjord wollte ich mal in das ach-so kalte Wasser. Neo an, Neo Mütze an (komplett Hals und Kopf abgeschlossen) und rein ins Wasser, und sofort raus aus dem Wasser bevor die Hyperventilation einsetzt. Was zum Teufel? Seid ihr des Wahnsinns? Das kann nicht euer Ernst sein. Wie soll man das überleben? Füße und Hände waren binnen Sekunden taub, das Gesicht gleich danach. Ein Typ von der Norseman-Crew war zur Stelle und hat meine ersten Eindrücke auf Kamera festgehalten (zu sehen auf der Facebook-Seite des Norseman). Zu meinem Entsetzen ist direkt nach mir eine Frau OHNE Neo ins Wasser gesprungen, und sage und schreibe 30 Minuten geschwommen. Ich war, gelinde gesagt, perplex. War meine Vorbereitung was das Schwimmen angeht doch nicht so gut? Immerhin ist mein deutscher Verein seit 1. Mai im Freibad, bei jedem Wetter. Und das Wasser hat dort gefühlt arktische 24 Grad.

Nach Monaten der Zuversicht und Gelassenheit kamen jetzt immer wieder Zweifel in meinen Gedanken an den Wettkampf. Witzigerweise aber nur wegen des Schwimmens. Ich bin noch nie 3,8km im Wettkampf geschwommen, geschweige in 13 Grad kaltem Wasser.

Donnerstag dasselbe Spiel. Nach Eidfjord, komplette Montur angezogen und rein ins Nass. Diesmal für ca. 5 Minuten. Sollte man sich tatsächlich an derart kaltes Wasser gewöhnen können? Am Abend wieder eine kurze Ausfahrt von 30 Minuten.

Freitag war dann ein etwas längeres Schwimmen angesagt. Einer der Hauptsponsoren, United Bakeries, hat für 9 Uhr morgens ein gemeinsames Schwimmen mit anschließenden Kaffee und Süßigkeiten ausgeschrieben. Lissi setzte mich ab und fuhr gleich weiter meine Mutter und Stiefvater abholen. Die beiden sind am Vortag in Oslo angekommen und sind bis T2 gefahren, wo Lissi sie abholte. Das Schwimmen lief erstaunlich gut. Ich war gut 20 Minuten im Wasser, und obwohl mein ganzer Körper danach am Zittern war, kam wieder etwas Zuversicht für den nächsten Tag. Den Rest des Tages musste ich zwangsweise in Eidfjord verbringen, da ohne Auto.

Nur mein Stiefvater und ich sind nach Eidfjord gefahren. Die beiden Mädels wären um die Uhrzeit zu viel Stress gewesen. Bike eingecheckt, Neo an, und ab auf die Fähre. Und auf der sitzt man mal, im Freien, im Dunkeln. Es ist ruhig. Manche reden ein wenig, die meisten starren vor sich hin. Kurz nach 4 legt die Fähre ab und fährt uns zum Start. Dort manövriert sie hin und her, bevor man 10 vor 5 ins Wasser darf. Man springt aus 5m Höhe in den dunklen Fjord und schwimmt zu mehreren Kajaks, die die Startlinie bilden. Es ist kalt, Sehr kalt. Ich versuche die Hände über Wasser zu halten, um sie möglichst spät der Kälte auszusetzen. Plötzlich ertönt das Horn der Fähre und es geht los.

Ich beginne zu schwimmen, und nach etwa 50m sehe ich, dass ich mit 2 anderen die Spitze bilde. Kann das sein? Bin ich im richtigen Film? Ist mein Tempo zu hoch? Ich bleibe an der Spitze, doch meine Gedanken drehen sich sehr bald nur noch darum, wie ich es bis ans Ende schaffe. Mir ist sehr schnell sehr kalt. Füße und Hände spüre ich quasi nicht mehr. Langsam beginnt sich die Taubheit in mein linkes Bein hochzuarbeiten, sodass ich zu massiven Beinschlägen gezwungen bin. Ich wechsle immer wieder ins Rückenschwimmen, um mein Gesicht aus dem Wasser zu bekommen. Zu allem Übel scheint Eidfjord nicht näher zu kommen. Ich denke immer wieder daran aufzuhören. Mir ist so unfassbar kalt. Schließlich komme ich als 5. Nach 1:01 aus dem Wasser getorkelt.

Lissi hat mich in der Wechselzone schon erwartet, und ab da das Denken für mich übernommen. Neosachen mir ausgezogen. Handtuch in die Hand gedrückt. Top ausgezogen. Trockenes Trikot an. Helm auf. Schuhe an. Warnweste an. Licht an. Los geht’s.

Aus der Wechselzone raus und erstmal festgestellt „wo geht’s da lang?“. Anscheinend hat das Hirn was von der Kälte abbekommen. Wurscht. Es Geht ein paar km flach dahin, durch einen komplett dunklen Tunnel, und dann geht’s bergauf. Für 1250hm. Alte, unbefahrene Straße. Beine sind top, Körper wieder warm. Kurbel vor mich hin, und bin recht schnell an 2. Position. Mitten im Anstieg muss man die alte Straße verlassen und auf die neue wechseln, durch einen Tunnel fahren, und dann wieder auf die alte Straße. Dabei schaff ich es die Einfahrt zu übersehen, muss umdrehen, und will ganz lässig über die Gehsteigkante fahren. Massiver Köpfler und Reifen platt. Mein Supportteam stand Gott sei Dank genau an der Stelle. Laufrad wechseln und weiter geht’s.

Oben angekommen liegt die Temperatur für die nächsten 60km zwischen 5 und 9 Grad. Kuschelig. Man fährt auf einem Plateau wellig dahin, tendenziell leicht bergab. Ich genieße die Landschaft und fahr meinen Stiefel. Ich lerne wie man am Rad pinkelt ohne sich oder das Rad zu beschmutzen. Nach 90km kommen vier Anstiege, die der Reihe nach immer länger werden. Schön. Die ersten drei gehen gut, und am Vierten hab ich einen leichten Einbruch. Die Sonne brennt, und es ist heiß. Ich werde von 3 oder 4 Fahrern überholt. Orschloch. Es wird auch psychisch hart. Mein unterer Rücken tut mir seit km 45 weh, und es ist bis hierhin sicher nicht besser geworden. Am Gipfel steht mein Support, und erklärt mir, dass hier das Ende ist, und gleich nur mehr Abfahrt.

Das „Gleich“ ist es erst nach weiteren 10 welligen km, die es schaffen mich komplett zu brechen, und mein Rad zu hassen. Vor der Abfahrt steig ich vom Rad ab, reiß die Chips auf, und schütt Cola rein was geht.

35km Abfahrt wenn einem der Rücken massivst weh tut is nicht lustig. Aeroposition – vergiss es. Es erscheint endlos. Irgendwann komm ich doch unten an in der Wechselzone. Lissi wartet auf mich, nimmt mir das Rad ab, und hilft mir beim Schuhe ausziehen Bücken is grad nicht so geil. Ich möchte alle Drogen aus „Fear and Loathing in Las Vegas“. Schluck Cola, und ab geht’s. Keine Schmerzen. Geil. Ich laufe los, versuche mich einzubremsen, schau auf die Uhr und sehe 4:20/km. Nach 1.5km hab ich dann das Tempo. 4:30/km. Ich fühl mich gut, alle 6km ein Gel. Endlich sehe ich auch mal zwei andere Gesichter. Ein Norweger mit dem ich ein wenig ins Plaudern komm. Sein 3. Norseman. Ein Wahnsinniger.

Die Sonne brennt ganz schön runter, und nach 15km kommt auch Gegenwind dazu. Net lustig. Nach 21km sieht man den Gaustatoppen und da vergeht einem alles. Das is so hoch und so weit weg. Nach 25km beginnt dann der Anstieg. Asphalt und 10% Steigung. Gehen war angesagt. Es lief läuferisch echt gut bis hierher (3. Zeit bis zum Fuß des Bergs), aber ich war mental gebrochen, und die Sonne hat mir zu schaffen gemacht. Markus begleitet mich, hat Flüssigkeit und Essen mit. Das ist Gold wert. Ohne ihn wär ich da nicht rauf gekommen. Wir reden die ganze Zeit, und versuchen das Tempo um die 10:00/km zu halten. Es ist endlos und der Gipfel kommt kein Stück näher. Nach 32.5km flacht es ein wenig ab, ich beginne wieder leicht zu laufen, bis km 37,5, wo es dann richtig schön wird.

Kurzer medizinischer Check, und Lissi und ich sind drin im Berg. Jetzt darf ich auch noch einen Rucksack tragen. Über Stock und über Stein geht’s dahin, immer steiler und immer unwegsamer. Kurz nach km 37.5 schau ich auf die Uhr. 1:15 bleiben um unter 13h zu bleiben. Lissi motiviert mich. Nach kurzer Zeit begrabe ich dieses Ziel. Ich setze einfach einen Fuß vor den anderen, die ganze Zeit nur an das Ende denkend. Es kommen mir andauernd Wanderer entgegen, die mich anfeuern.

Das gibt Kraft. Es fehlt mir aber, wie schön öfters an dem Tag, die Motivation mich mehr anzustrengen. Es sind einfach keine Gegner da, die ich zerstören könnte. Kurz vor dem Gipfel dreh ich mich um, sehe zwei, drei andere recht nahe kommen, und dann wars soweit. Krieg. Die kriegen mich nicht. Vollgas für ~10 Minuten. Kurz vor dem Ziel sehe ich, dass es ganz knapp wird. Noch einmal alles gegeben und in 12:59:06 als 13. das Ziel erreicht. Ich war einfach nur froh, dass es vorbei ist. Und sofort wurde beschlossen, das mache ich nicht mehr.

Nach ein paar Minuten ist auch Lissi da, die ich auf den letzten Metern abgehängt habe. Sie bringt mir Tomatensuppe und hilft mir beim Umziehen. Ich sitze da, bring kaum einen Bissen runter, links und rechts kollabieren sie, und versuche die unglaubliche Aussicht zu genießen. Weitsicht ohne Ende. Das hätte man auch billiger haben können. Bei mir stellt sich die Frage, warum hab ich das gemacht? Es war kein überwältigendes Gefühl. Keine Befriedigung, kein „ich habe etwas Tolles geschafft“- Gefühl. Ich war einfach nur froh mich nicht mehr bewegen zu müssen. Nach ungefähr 30 Minuten machen wir uns am Weg hinunter. Wir müssen ca. 10hm bergab bewältigen, um zu dem Lift zu kommen, der uns vom Berg bringt. Ganz schlimm. Ich brauch ewig. Ein Franzose, der vor mir im Ziel war, ist die 5km mit seiner Frau runtermarschiert.

Unten, auf 1000hm, warten meine Mutter und Markus. Alle sind glücklich und erleichtert. Wir fahren zum Finisherbuffet in ein Hotel am Berg. Schlappe 45.- pro Person ohne Getränke. Ich bring keinen Bissen runter. Um 22:30 fahren wir ins Tal, und es sind immer noch Leute unterwegs auf der Strecke.

Wir übernachten in einer kleinen Hütte. Wir gehen schlafen, und ich wache mitten in der Nacht auf. Vollkommen schweißgebadet. Na bumm. Fieber. Irgendwann schlaf ich wieder ein. Am nächsten Morgen geht’s mir ganz passabel. Wir fahren auf den Berg und ich hol mir mein schwarzes Finishershirt ab. Das wollt ich. In dem Moment war ich glücklich. Fotos machen, norwegischer Folklore lauschen, und wieder runter ins Tal. Wir kaufen ein fürs Mittagessen, kommen nach Hause und mir geht’s dreckig. Lissi scheucht mich herum. Das soll ich aufheben, das soll ich putzen. Mir tut jede Bewegung weh, alles strengt an. Irgendwann geb ich auf, leg mich hin und zack, bin ich weg. Fieber, 40 Grad. Sehr schön. Die Nacht war wieder sehr schön. Lissi hat mir verboten mich zuzudecken. Soll helfen. „Lissi, geh in Ors**“ (Copyright Mario Orsolics) waren meine Gedanken.

Am nächsten Morgen durfte ich dann 6h im Auto nach Bergen verbringen. Sehr schön. Fieber war etwas besser. Und am nächsten Tag durfte ich nach Portugal fliegen. Ich bin in Skitourenhose und Skijacke in den Flieger gestiegen und bei 35 Grad gelandet. Mein Gepäck nicht. Ein Tag in Skimontur in Lissabon. Sehr schön. Die erste richtige Mahlzeit, die ich zu mir genommen und behalten habe, war am Freitag. Ich hab schon ausgesehen wie ein Magersüchtiger.

Alles in allem ein wahnsinnig tolles, aber definitiv einmaliges Erlebnis, das ohne meinem Supportteam nicht so glatt über die Bühne gegangen wäre.

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